Piratensender
 
Vor einiger Zeit fand ich auf (in?) Wikipedia folgenden Artikel: http://de.wikipedia.org/wiki/Piratensender . Auf den ersten Blick schön und gut, aber bei genauerer Betrachtung fehlt dort einiges. Denn dort wird fast ausschließlich auf die Offshore-Stationen und andere "kommerzielle" Piratensender eingegangen. Die wahrscheinlich wichtigste Gruppe (da sie als einzige heute noch wirklich in Massen aktiv ist und die "Radiopiraterie" in Europa ursprünglich auch aus dieser hervorgegangen ist) wird aber nur in einem Satz am Rande erwähnt, nämlich die Musikstationen ohne Kommerzgedanken, die vom Land aus senden.
Um mir unnötige Diskussionen mit anderen Wikipedia-Autoren zu ersparen (denn letztendlich sind wegen gerade dieser Diskussionen viele Artikel so ungenau bzw. wertend) versuche ich erst gar nicht, den Wikipedia-Artikel zu verbessern, sondern schreibe lieber auf meiner eigenen Webseite etwas dazu.
 
Viele Leser werden sich vielleicht wundern, wenn sie mehrfach auf diesen Seiten das Wort "Piratensender" (Sender ohne Lizenz) lesen und sich denken:
"Gibt's so was überhaupt (noch)?" Und wahrscheinlich die Seesender wie Veronica im Hintergedanken haben. Dazu kann ich nur sagen: "Aber sicher doch!"
Dazu bedarf es allerdings etwas Erklärung, und zugegebenermaßen, in Deutschland gibt es nur sehr vereinzelt Piratensender.

Unter den Piratensendern gibt (eigentlich eher gab) es inhaltlich vier verschiedene Gruppen:

Der "Politpirat":
Er sendet, um politische Ansichten unters Volk zu bringen. Gibt es heutzutage eigentlich in unseren Breiten so gut wie gar nicht mehr.
Spezielle "Regeln" bei der Frequenz oder Bandwahl gibt es nicht.

Der "kommerzielle" Piratensender:
Sendet in erster Linie Musikprogramme, Werbung aber auch Wortbeiträge. Auch diesen gibt es heute nur noch sehr selten.
Beispiel: Radio Veronica & Co. in den 60er bis 70er Jahren.
Früher MW (gelegentlich auch KW), später auch UKW. Natürlich ist so ein Sender nicht wirklich kommerziell, aber die Bezeichnung passt im Vergleich zu den anderen trotzdem. Im Prinzip wie ein richtiges Radioprogramm. Diese Sender nutzen es sofort aus, wenn sie die Chance bekommen, legal zu werden.

Der "Amateur" Piratensender:
Sendet nicht des Inhalts wegen, sondern "um des Sendens Willen".
Es geht ihm eher ums Sammeln von Empfangsberichten, führen von QSOs (Funkgesprächen), Verschicken von QSL Karten usw. .
Und auch QRP Betrieb: Möglichst weit reichen bei minimalster Sendeleistung.
Im Prinzip also fast genau so wie ein lizenzierter Funkamateur, nur mit einem Unterschied: Er sendet in Rundfunkbändern und ohne Lizenz.
Früher auf allen Bändern anzutreffen, heute aber nur noch auf Míttelwelle (160 Meter, aber auch im normalen MW Rundfunkband) und Kurzwelle (48 Meter) und 60 cm*. Diese Sender befinden sich zu ca. 90 % in den Niederlanden. Genau wie bei den Musikpiraten übrigens auch meist mit Echo in der Sprache.  Lediglich auf der Kurzwelle und auf der oberen Mittelwelle gibt es ähnliche Sender wie in den Niederlanden auch in anderen ländern, z.B. Griechenland.

* In den 70ern und 80ern, als das UKW-Band über 100 MHz noch völlig frei war, war es ein beliebter "Sport" mit (in der Regel selbstgebauten) Sendern mit wenigen Watt Sendeleistung Reichweiten von bis zu 100 km zu erreichen und mit anderen "Amateuren" QSOs zu führen. Das wurde später unmöglich, weil es im UKW Band seit Ende der 80er keine richtig freien Frequenzen mehr gibt.
Daher sind die "Amateure" dazu übergegangen, mit ihren Sendeaktivitäten ins 60 cm Band (UHF) umzuziehen. Was auch den Vorteil hat, dass keine UKW-Hörer mehr durch Amateursendungen gestört werden und dort Platz für Musikstationen (wo es ja mehr Hörer gibt) ist.
Genutzt werden in der Regel modifizierte UHF-TV-Antennen und als Empfänger Konverter, die das 60 cm Band auf UKW heruntermischen. Wobei dieses Band auch schon wieder aus der Mode ist und teilweise in anderen Bändern gearbeitet wird.
 
Musikpiraten:
Gibt es heute immer noch in Massen. Das Programm besteht nur aus Nonstop Musik mit gelegentlichen Ansagen, die nur der Stationskennung, durchsagen von Telefonnummer und Grüßen / Musikwünschen dienen.
Früher auf allen Bändern anzutreffen, heute in der Regel nur noch auf UKW und gelegentlich auf KW (48 Meter). Sinn der Sendungen ist es in der Regel, Musik zu senden, die auf normalen Sendern nicht läuft, und auch hier senden um des Sendens willen, und nicht zuletzt der Kick, eventuell erwischt werden zu können und das man nie gen au weiß, wie viele Leute zuhören.

Und noch eine 5. Gruppe, Fernsehpiraten: Darüber kann ich allerdings nichts berichten, da ich nie selobst einen empfangen oder damit zu tun hatte.


Am meisten verbreitet ist und war das illegale Senden in Europa wohl in den Niederlanden, heutzutage besonders im nord-östlichen Teil. Auf UKW gibt es nur noch Musikstationen, die in der Regel Schlager spielen, allerdings nicht "Mainstream-Schlager", die man von den deutschen Schlagerwellen kennt. Mehr dazu weiter unten.
Besonders viele gibt es in den Provinzen Overijssel, Drenthe, Groningen, Friesland und Gelderland. In Limburg scheint dieser "Sport" weniger verbreitet zu sein als in den erstgenannten Provinzen, denn dort sind eigentlich jeden Tag mehrere Sender aktiv während man über Limburg kaum was hört. Im Nordosten gibt es nahezu in jedem Dorf mindestens 2-3 Sender.
Für Empfangsberichte und Musikwünsche sind die Sender über Handy und SMS ereichbar, die Grüße und Musikwünsche werden gesammelt und irgendwann in der Sendung vorgelesen. Dabei fließt meist GROLSCH in Massen .
Auf deutscher Seite gibt es in der Grenzregion ebenfalls ein paar Piratensender, z.B. in der Grafschaft Bentheim, im westlichen Emsland und in Ostfriesland.
Ansonsten gibt es in Deutschland keine "Ballungsräume" von Piraten, nur ein paar vereinzelte Stationen quer über Deutschland verteilt, die dann aber auch schon wieder anders auftreten als die Piraten in den Niederlanden.
Im Westen der Niederlande gibt es nur noch sehr wenig Piratensender, abgesehen von den großen Städten wie Amsterdam und Den Haag. Dort wird allerdings nicht ausschließlich Schlager (wie im Osten) gespielt, sondern eher versucht, "normale" Radioprogramme nachzumachen.

Besonders in den oben genannten Piratenhochburgen wird schon seit geraumer Zeit meist mit ordentlichem Sendeequipment gearbeitet, so dass sich Störungen auf anderen Bändern in Grenzen halten (aber dennoch gelegentlich vorkommen).
Dort wird auch nicht mit (mehr) nur ein paar Watt rumgesendet, die Sendeleistungen bewegen sich im Bereich von einigen Hundert Watt bis zu 12 Kilowatt, dazu kommt jeweils noch der Gewinn der gestockten (vertikalen) Dipole, so dass viele Sender mit ERP Leistungen bis zu 100 kW senden.
Stereo ist seit Jahren Standard, die meisten Stationen haben zusätzlich auch meist RDS. Ebenso ist  Soundprocessing im Einsatz, durchaus auch mal richtig gut eingesellt, wenn auch meist sehr laut.
Ein Sender wird in der Regel von mehreren Personen betrieben, besonders in den Ferien  schließen sich oft mehrere Stationen zu "Combinaties" zusammen und veranstalten "Marathonsendungen" die oft ganze Wochen lang gehen.
Dass ein Sender noch in 10 km Entfernung 3 mal (dank Spiegelfrequenzen, hervorgerufen durch einen schlecht abgestimmten / konstruierten Sender) auf dem UKW Band (und auch darüber hinaus...) zu empfangen ist kommt dank der inzwischen professionellen Technik so gut wie nicht mehr vor.
In der 70ern und 80ern, der Zeit der selbstgebauten, freischwingenden Sender war das dagegen fast an der Tagesordnung...


Mast vom Piratenteam de Lutte, knapp 100 Meter hoch, die 8 Dipole werden mit 10 kW "befeuert"


Gesendet wird häufig von abgelegenen Feldern, wo meist ein Festzelt aufgebaut wird, oft mit regelrechter Volksfest-Stimmung.
Die Masten erreichen durchaus mal Höhen von 60 Metern oft auch noch höher. Gesendet wird fast immer über vertikale Dipole in gestockter Anordnung.
Die Stationen sendet aber nicht dauerhaft, sondern nur so lange wie sie "lust haben", was von ein paar Stunden am Tag bis zu ganzen Wochen sein kann.
Darum ist das UKW Band täglich anders belegt, oder auch morgens (eher wenig Stationen oder auch mal gar keine) völlig anders als Abends (meist voll).
Nach Möglichkeit nehmen die Stationen auf sich gegenseitig Rücksicht und stören sich nicht Gegenseitig, aber ein paar "Wegdrücker" sind oft nicht zu vermeiden, bei der Fülle an Sendern ...
Und nicht zuletzt gibt es auch ein paar "unsportliche", die sich absichtlich gegenseitig wegdrücken. Gerade die beliebtesten und bekanntesten Frequenzen sind an Wochenenden oft doppelt und dreifach belegt und kaum noch vernünftig zu nutzen (insbesondere 97,0, 97,3 und 94,5 MHz).

Aufbau eines "Marathonsenders"


Außer den Niederlanden soll es in der Gegend um London, sowie in Griechenland und im ehemaligen Jugoslawien noch Piratenhochburgen geben, damit hab ich allerdings noch keine PRAKTISCHEN ERFAHRUNGEN, sprich ich habe weder hier noch vor Ort jemals eine dieser Stationen empfangen (Von Griechen auf der Mittelwelle abgesehen).

Die Musikauswahl
Die Musik der  Piratensender im Osten der Niederlande besteht ganz grob gesagt aus deutschen / niederländischen Schlagern, Oldies und Polka / Instrumental als Hintergrundmusik für die Ansagen.
Jetzt denken viele vielleicht "Aha, die Betreiber sind also alles alte Säcke und Rentner", aber das ist keineswegs so. Die Piratensender werden meist von Jugendlichen mit nach oben offenem Ende betrieben, der Schwerpunkt liegt aber bei den 20-30 Jährigen.
In den Niederlanden ist es nämlich nicht so wie in Deutschland, dass man als Jugendlicher zwangsläufig Schlager "scheiße" finden muss und ansonsten schief angeguckt wird...
Aber zurück zu der Musikauswahl, denn auch dabei gibt es wieder zwei Gruppen:

Der "echte Vinylpirat" (in Insiderkreisnen auch "Hitzzz" genannt :D):
Die meisten davon findet man in Overijssel, besonders in der Region Twente.
- Nahezu alles wird von Vinyl-Single / LP "gedraaid"
- "Nederlandstalige" Muziek vorzugsweise von ca. Mitte 60er bis Anfang 80er, besonders viel "Smartlappen" (viel von der Plattenfirma "Telstar" von Johnny Hoes))
- Von NiederländerInnen in Deutsch gesungene Lieder aus dem gleichen Zeitraum
- Von SkandinavierInnen in Deutsch gesungene Schlager (und da gibt's uuuunglaublich viele von, nur die meisten kennt kaum einer!)
- Skandinavische Schlager (meist dänische oder schwedische Versionen von Deutschen Schlagern)
- Deutsche Schlager, aber nicht die richtig bekannten, sondern eher unbekanntere und B-Seiten, Zeitraum auch hier Mitte 60er bis Anfang 80er
- Nederpop (alles in NL Englischsprachig produzierte, besonders beliebt: "Palingsound" aus Volendam), in der Regel auch Ende 60er bis 80er
- Von Deutschen in Niederländisch gesungene Schlager (auch das gibt es, und nicht zu knapp)
- allgemeine "Oldies"
-  Generell eher wenig bekanntes
- viele "vergessene" Deutsche Schlager und internationale Oldies
- besonders schräg, aber lustig: Holländer, die in Deutsch über Tirol singen :D
- und als Hintergrundmusik für die "Moderationen" Instrumental und etwas American Polka (was man Europa sonst überhaupt nirgendwo hört bzw.kennt!) und Instrumentalmusik jeglicher Art
Der Mix ist von Station zu Station unterschiedlich, aber von allem kommt immer etwas vor.
Man kann vereinfacht auch einfach "Piratenmuziek" dazu sagen ;-).

Die andere Gruppe spielt sogenannte "Platiskschlager", damit bezeichne ich das, was die deutschen Schlagerwellen ala NDR1, WDR4, MDR1 usw. uns täglich um die Ohren hauen, nur eben deutsch und Niederländisch durcheinander.
In der Regel von CD gespielt.
Solche Piraten gibt es in Twente (zum Glück) fast gar nicht, die sind eher im Norden oder auch auf deutscher Seite anzutreffen.
Diese Sender finde ich recht uninteressant (ehrlich gesagt sogar schlecht) und langweilig. Allerdings werden diese Stationen gefühöt wieder weniger.
 
Natürlich gibt es auch einige Stationen, die beides miteinander vermischen. Je mehr Vinyl-Anteil, umso besser gilt für mich persönlich. Für die Musik von den Plastiksendern kann man auch genau so gut NDR1 oder Radio NL hören, die Musik von Vinylpiraten gibt's aber nirgendwo anders im Radio!
Glücklicherweise ist Twente von hier der nächstgelegene Teil der Niederlande :-).

Wer aus wohntechnischen Gründen nicht die Möglichkeit hat, sich das mal live anzuhören, kann über folgenden Stream live das UKW Band in Twente oder anderen Teilen der Niederlande mithören:
http://geheimezender.com/streams_klompenboer.php

Übrigens, wer jetzt denkt, die Audioqualität on Piratensendern wäre schlecht, der irrt sich gewaltig!
Ich behaupte sogar, einige Piraten klingen BESSER als so mancher legaler Sender. Viele Piraten benutzen Soundprocessing, aber wohl meist mit besseren (weil vermutlich nach Gehör und nicht nach Vorgaben eingestellten) Einstellungen als normale Sender.
Und es gibt auch gelegentlich noch Sender, die nur einen Limiter ohne weiteres Soundprocessing einsetzen, der Klang geht als fast "direkt von der Platte auf die Antenne".
Der Klang ist kaum noch zu schlagen auf UKW! Naürlich gibt es auch immer noch Sender mit eher "mäßigem" Klang, diese werden aber immer seltener. Das kann man, da es sich um Piraten handelt, eben auch nicht verallgemeinern. Der eine ist laut und klar, der andere leise, der andere Dumpf, der andere hell, da gibt es von allem, etwas.

Die in NL genutzten Frequenzen
Viele der Piratenfrequenzen sind in Deutschland leider bereits wieder schnell mit deutschen Sendern belegt, "Geheimtip" sind aber die Frequenzen 97,3 94,5 und 95,9, auf denen gelegentlich Empfang doch ziemlich weit in Deutschalnd möglich ist, weil sie einigermaßen frei sind.
Hier eine Tabelle, WELCHE Frequenzen ungefähr WO genutzt werden.
Bei einer Fahrt an die Grenze kann man sich selbst überzeugen:

Overijssel:
Twente:
88,4
89,9
92,2
92,3
94,3
94,5
95,1-2
95,4
95,8-9
96,5
96,9
97,0
97,1
97,2
97,3
97,4
97,5
97,6
98,1-2
98,7
99,6
106,8

Salland (zusätzlich zu den oben genannten):
94,4
97,8
90,1

Drenthe:
88,3
88,4
92,2
93,7
96,7
97,7
96,0
95,1
95,2
95,3
95,9
94,5
97,0
97,3

96,5
98,0
105,1
104,0

Groningen / Friesland:
Ab hier habe ich dann kaum noch einen Überblick und benötige Hilfe (die wenigen bekannten Frequenzen habe ich mir durch diverse Listen zusammengereimt):
88,3
94,4
95,1
95,2
95,3
98,2
100,0
101,4
104,1
105,8
106,3
106,3

Ostfriesland (Deutschland):
97,2
97,3
94,3
95,2
106,1

Noord-Holland:
Wo es scheinbar kaum noch Piraten gibt. Aber wenn, dann nicht nur "nederlandstalig" wie im Rest des Landes:
Regio Amsterdam
88,3
92,2
99,2
94,6
90,3

Gelderland / Achterhoek:
87,50
91,10
92,30
97,10

Limburg:
wobei hier wohl nur noch selten was zu Empfangen ist, weil das Band der bereits voll ist und man auch nicht mit Bombenleistungen wie im Norden sendet:
91,20
92,80
103,10
104,20
105,80
105,90
106,10
106,20

Utrecht / Brabant / Zeeland / Zuid-Holland / Flevoland
Kaum Piratenakitivtäten, daher kenne ich auch keinne Frequenzen.
In Zeeland dürfte mit Abstand am wenigsten los sein.

Mittelwelle und Kurzwelle
Hier bestehen die größten Chancen, auch weiter weg von NL Piratensender zu empfangen.
Auf MW ist speziell der Bereich oberhalb von 1610 kHz (nur bei Dunkelheit) interessant, der allerdings von normalen MW-Empfängern nicht empfangen werden kann.
Auf der Kurzwelle ist besonders das 48 Meterband, um 6250 kHz am Wochenende Piratenband. Allerdings meist nur mit "Amateur"-Stationen, dafür gelegentlich aber nicht nur aus den Niederlanden.